Frank Berzbach: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen

Gelesen: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen von Frank Berzbach

Ich muss gestehen, bei dem Buch Die Kunst ein kreatives Leben zu führen von Frank Berzbach habe ich mich vom Titel etwas fehlleiten lassen, aber der Untertitel Anregung zu Achtsamkeit hätte ein Hinweis sein können. Jedenfalls hatte ich erwartet, dass das Buch inhaltlich eine andere Richtung einschlägt als sich dann bei der Lektüre herausstellte.

Das normale Arbeitsleben ist selbst im Onlinemarketing manchmal sehr banal und zeitweise sogar recht langweilig, dabei habe ich oft zahllose Ideen für neue Projekte, egal ob fürs Internet oder im Bastellkeller. Neben Versuchen im Bier brauen oder dem Eigenbau eines Quadrokopters ist letztendlich auch der Onlinemarktplatz Kulthandwerk ein solches Produkt. Da die Zeit oft sehr begrenzt ist bin ich auf der Suche nach Methoden, solche Ideen zu fördern, zu sammeln und dabei möglichst nichts zu vergessen. Einige der Ideen möchte ich aber auch soweit entwickeln, dass daraus vielleicht mehr entsteht als nur eine Notiz in irgendeinem digitalen Tagebuch (mit Kulthandwerk bin ich hoffentlich auf einem ganz guten Weg 🙂 ). Bei der Suche nach der diesjährigen Urlaubslektüre bin ich also über den Titel Die Kunst ein kreatives Leben zu führen gestolpert und war in Erwartung einer gewissen Methodik, wie man in seinen Alltag etwas mehr Kreativität bringen könnte.

Um Methodik geht es Frank Berzbach allerdings gar nicht, es geht ihm in seinem Buch eher darum, wie man den Arbeitsalltag so gestalten kann, dass die Kreativität vor lauter Tagesgeschäft und Termindruck nicht auf der Strecke bleibt. Dabei richtet er sich vor allem an den Mitarbeiter einer modernen Werbe- oder Webagentur, bei der der Zwang permanent Ideen liefern zu müssen mit dem stressigen Arbeitalltag kollidiert. Grund dafür sind oft immer anspruchsvollere Kunden und ein hoher Termindruck. Das Ziel soll also sein, in einem solchen Umfeld die Kreativität nicht zu verlieren und nicht zuletzt auch den Spaß an der Arbeit zu bewahren.

Wie schon geschrieben, das war nicht so ganz das was ich von dem Buch erwartet hatte, habe es dann aber dann doch mit Begeisterung gelesen, denn Berzbach analysiert die moderne Arbeitswelt des digitalen Zeitalters sehr genau. Dieser angeblich so modernen Arbeitswelt, die viele leere und ausgebrannte Menschen erzeugt, stellt er die frühere Arbeitsethik der christlich und buddhistisch geprägten Gesellschaften gegenüber und landet beim Trendthema Achtsamkeit. Dabei finde ich es ganz wohltuend, dass er vermeidet, Achtsamkeit als Methode zur Selbstoptimierung zu preisen sondern stellt diese ganz bewusst als notwenidgen Ausgleich zur kreativen Arbeit dar. Kreativität kann seiner Ansicht nur dort entstehen, wo auch Müßiggang erlaubt ist.

Kein Mensch, der kreativ arbeiten möchte oder muss kann dies 8 oder noch mehr Stunden pro Tag leisten. Es muss also auch Phasen geben, in denen man sich monotoner, langweiliger Arbeit hingibt, das bezieht er auch auf Handarbeit, denn nur so entsteht ein Geist, der offen für Neues ist. Berzbach geht dabei zurück bis zu den Arbeitswelten der christlichen und buddhistischen Klöster, in denen die Mönche Phasen der Kontemplation mit Phasen körperlicher Arbeit abwechselten. Ich bin ihm außerdem sehr dankbar dafür, dass er die in der modernen Arbeitswelt so hochgelobte Teamarbeit in Frage stellt und das konzentrierte Arbeiten in Abgeschiedenheit in der Vordergrund rückt. Die einzige Arbeitsweise, die wirklich Qualität und beste Arbeitsergebnisse zulässt, die aber inzwischen in einer modernen Firma undenkbar geworden ist.

Unnötig finde ich ehrlichweise seine Ausflüge in die Themen Burnout und Depression. Ich denke, wer schon soweit ist, der sollte keine Bücher mehr lesen sondern zum Arzt gehen. Damit überspannt er meiner Ansicht nach den thematischen Bogen des Buches etwas.

Ich habe vor Jahren einmal aus Neugier einen Kurs in Achtsamkeit gemacht, die Meditationspraxis allerdings nicht ernsthaft in meinem Alltag übernommen. Es gibt immer Gründe, warum das nicht möglich ist, allerdings habe ich inzwischen das Gefühl, es wäre nicht verkehrt, es doch noch einmal zu versuchen. Trotzdem denke ich, dass ich viele Elemente aus dem Kurs übernommen habe und deutlich mehr darauf Acht gebe, was um mich herum geschieht. Das führt leider auch dazu, dass einem vor allem im Berufsleben viele alberne Rituale und Automatismen auffallen, die damit leider auch unerträglich werden. Ich bin also selbst noch auf der Suche, die für mich passende Arbeitsform zu finden, jedenfalls soweit das in einem gewissen Rahmen möglich ist.

Berzbachs letzter und ultimativer Tipp stammt wieder aus dem Buddhismus: gehe Tee trinken! Nicht den hektisch im Automaten aufgebrühten Kaffee, den man am Arbeitsplatz bei der Arbeit achtlos herunter schüttet, sondern ganz bewusst eine kleine Auszeit nehmen und sich eine Tasse Tee aufgießen und genießen.

Interessant sind für mich übrigens auch seine vielen Literaturhinweise, da ist eine Menge Spannendes zum Stöbern dabei, egal ob es sich um die sehr eigene Ästehtik des Zen Buddhismus, um das Kunstverständnis eines Joseph Beuys oder um die Arts and Crafts-Bewegung im England des 19.ten Jahrhunderts geht. Einige der genannten Bücher werden sicherlich noch hier im Blog von Kulthandwerk als Lesetipp auftauchen 🙂