Lesetipp: Crawford, Ich schraube also bin ich

Lesetipp: Ich schraube, also bin ich von Matthew B. Crawford

Der Autor Matthew B- Crawford ist promovierter Philosoph und arbeitete in den USA als gut bezahlter Berater eines politischen Thinktanks. Die Arbeit schien ihn aber nicht auszufüllen und so schmiss er alles hin, machte eine Ausbildung zum Motorradmechaniker und betreibt inzwischen eine eigene Motorradwerkstatt: Shokoe Moto in Richmond, Virginia, USA. Diese Arbeit schien ihn aber nicht ganz auszufüllen, den er machte (und macht) sich weiterhin Gedanken über die moderne Arbeitswelt. Seine Erkenntnisse hat er in dem 2009 erschienen Buch „Ich schraube, also bin ich – Vom Glück etwas mit den eigenen Händen zu schaffen“ zusammengefasst. Inzwischen hat Crawford auch wieder einen Lehrauftrag an der University of Virginia, die geistige Arbeit scheint ihn also nicht ganz loszulassen.

Das Buch ist also schon etwas älter, trotzdem nicht weniger aktuell. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch Frank Berzbach, der in dem Buch „Die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ oft darauf verweist und daraus zitiert. Der Titel hat mich sofort angesprochen denn ich haben eine Schwäche für schräge Lebensläufe und Querdenker. Crawford beschreibt in dem Buch seinen Weg vom Handwerker – als Student hatte er als Elektriker gearbeitet – zum Büroangestellten in einer Beratungsfirma und wieder zurück zum Handwerker, diesmal als gelernter Zweiradmechaniker. Als studierter Philosoph und gelernter Handwerker kennt er somit beide Arbeitswelten und zieht daraus seine Schlüsse.

Ich finde das Buch allerdings nicht sehr strukturiert, so dass es mir nicht ganz einfach fiel, Crawfords Thesen aus den vielen sehr persönlichen Eindrücken und Erfahrungen herauszulesen. Einige davon sind:

Das Fließband: Fortschritt oder Rückschritt

Die oft hochgelobte Fließbandarbeit, also die Zerlegung komplexer Arbeitsschritte in viele kleine, bedeutungslose Arbeitsschritte ist laut Crawford nichts anderes als eine Entwertung manueller Arbeit und des Handwerks. Diese Entwicklung war Crawfords Ansicht nach nur möglich, weil zeitgleich zur Fließbandarbeit zwei weitere Voraussetzungen geschaffen wurden, Menschen in eine Abhängigkeit zu treiben: die Entwicklung der Marketing- und Werbeindustrie sowie die Erfindung des Konsumentenkredits.

Zwei wichtige Voraussetzung für die Entwertung manueller Arbeit: Marketing und Ratenkredite

Seiner These nach hätten die Fabriken nie genügend Arbeitskräfte gefunden, hätte nicht zum einen die damals neu aufkommende Marketingindustrie neue Bedürfnisse kreiert (z.B. das Auto), die dann mit Konsumenten- bzw. Ratenkrediten befriedigt werden konnten. Wer aber seine Raten bei der Bank abstottern muss, kommt nicht auf dumme Gedanken, ist demnach aber auch kein freier Mensch mehr. Dieser Entwertung folgt zwangsläufig die räumliche Verlagerung von manueller Arbeit in Billiglohnländer und damit der Verlust der Lebensgrundlage ganzer Bevölkerungsschichten.

Parallel zur beschriebenen Entwertung manueller Arbeit und des Handwerks folgt eine seiner Ansicht nach unverdiente Aufwertung geistiger Arbeit. Wer es zu etwas bringen möchte entflieht der manuellen Arbeit durch Bildung und sucht sein Heil in einer geistreichen Bürotätigkeit.

Büroarbeit als Garant für Wohlstand

Über viele Jahrzehnte hinweg war ein Job in einem Büro einer großen Organisation ein Garant für einen hohen Lebensstandard. Aber was über eine so lange Zeit gut funktionierte scheint nun auch in Gefahr: Crawford sieht inzwischen die gleichen Prozesse einer Entwertung dieser geistigen Tätigkeiten wir vormals im Handwerk durch die Industrialisierung mit der Erfindung des Fließbands. Selbst im Büro werden Tätigkeiten in immer kleinere und bedeutungslosere Teilschritte zerlegt. Diese werden entweder ausgelagert oder dank künstlicher Intelligenz weiter automatisiert. Den Angestellten droht also das gleiche Schicksal wie früher den Fabrikarbeitern zu Zeiten der Industrialisierung: unfreie, vom Wohle anderer abhängige Menschen.

Bankenkrise von 2008 als Ergbenis der Entwertung geistiger Arbeit

Ein drastisches Beispiel für diese Entwicklung sieht Crawford als Ursache der Bankenkrise von 2008 (sein Buch erschien ja 2009!): die Mitarbeiter der kreditgebenden Banken haben keinen Überblick mehr über das was sie tun. Ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Einschätzungen sind nichts mehr Wert. Die Risikobewertung und Kreditvergabe wird in so viele Einzelschritte zerlegt und auf so viele Schultern verteilt, dass der Einzelne kaum mögliche Gefahren gechweige denn das große Ganze erkennen kann. Das hat nicht nur für den einzelnen Angestellten Konsequenzen, in dem er einen unbefriedigenden und frustrierenden Job macht, sondern wie wir erfahren mussten, für die ganze Gesellschaft. Der Mensch, sein Wissen und seine Erfahrungen gehen in diesem Prozess komplett verloren und führen somit ins Verderben.

Entwertung manueller und geistiger Arbeit

Als weitere Konsequenz sieht Crawford, dass die Entwertung manueller und geistiger Arbeit zur Folge hat, dass wir unser Seelenheil nicht mehr in einer befriedigenden, erfüllenden Arbeit suchen, sondern in ausufernden Freizeitaktivitäten. Egal ob Marathonläufe oder exzessive Reisen soll uns eine krankhaft durchorganisierte Quality Time den seelischen Ausgleich bringen, den wir über unserer Arbeit nicht mehr erfahren. Letztendlich heizt das aber nur wieder den Konsum an, kreiert ganz neue Industrien und schafft so wieder neue Abhängigkeiten.

Wie man sieht, hat die Veränderung der modernen Arbeitswelt für Crawford nicht nur eine persönliche, sondern auch eine politische Dimension.

Liegt die Lösung im Handwerk?

Eine Lösung sieht Crawford im Handwerk, denn er vermutet auch für die Zukunft einen großen Bedarf an Menschen, die nicht vor manueller Arbeit zurückschrecken, gleichzeitig aber in der Lage sind, zu Denken und Zusammenhänge zu erkennen. Nur im Handwerk, also in der Verbindung manueller und geistiger Arbeit sieht er die Chance, ein freier, unabhängiger Mensch zu bleiben. Er geht sogar soweit, dass er handwerkliche Fertigkeiten (wieder) als wichtigen Bestandteil in der Bildung für Schüler und Studenten sieht. Im Gegensatz zum theoretischen Wissen sieht er bei handwerklichen Tätigkeiten mit den zu Beginn zwangsläufig eintretenden Misserfolgen einen wichtigen Weg zu mehr Demut und Dankbarkeit in unserer Gesellschaft. Nur wer den Wert einer Arbeit oder eines Produkts tatsächlich erkennt, bringt genügend Emapthie für seine Mitmenschen auf.

Fazit

Das Buch ist ein einziges Loblied auf das Handwerk. Eigentlich müsste es von den Handwerkskammern zur Pflichtlektüre erklärt werden, allerdings erscheint mir vieles davon ein wenig übertrieben. Aber in Anbetracht von Industrie 4.0 und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und damit der fortschreitenden Automatisierung geistiger Arbeit halte ich es für einen wertvollen Beitrag zur Diskussion über die Arbeitswelt von morgen. Man hat den Eindruck, dass sich die wenigsten Menschen Gedanken über das Ausmaß der Auswirkungen des technischen Fortschritts machen. Wir arbeiten aktuell an unserer eigenen Abschaffung, und das mit einer unerklärlichen Begeisterung.

Jedenfalls hat mir die Lektüre von Crawfords Ich schraube also bin ich einige neue Blickwinkel auf unsere Arbeitswelt eröffnet und zahlreiche interessante Denkanstöße beschert, bleibt nur die Frage offen, wie entkommt man selbst dieser Maschinerie?